Vom Zaubertrank Dopamin, inneren Dschungelwegen und der Kraft, anders zu denken
Was ist ADHS – und warum wird es so oft falsch verstanden?
ADHS ist eine neurobiologische Besonderheit.
Keine Modediagnose. Kein Erziehungsfehler. Kein Faulheitsproblem.
Menschen mit ADHS haben ein Nervensystem, das anders reagiert, anders filtert und anders fühlt. Es geht nicht nur um Konzentration, sondern um Motivation, Reizverarbeitung, Impulssteuerung, emotionale Regulation und Sinn.
ADHS ist nicht sichtbar – aber spürbar.
Für die, die es haben. Und für die, die es nicht verstehen.
Neurotypisch oder neurodivergent – was bedeutet das?
Neurotypisch nennt man Menschen, deren Gehirn ähnlich funktioniert wie das der Mehrheit – linear, gut regulierbar, vorhersehbar im Reagieren auf Reize, Regeln oder Routinen.
Neurodivergent bedeutet: Das Gehirn tanzt aus der Norm. Es denkt anders, fühlt anders, lernt anders.
Dazu gehören z. B. ADHS, Autismus, Hochsensibilität, Tourette oder Legasthenie. Nicht falsch. Nicht krank.
Einfach anders verkabelt – und oft sehr fein, tief, kreativ oder wild wach.
ADHS wie für ein Kind erklärt – ehrlich und bildhaft
Stell dir vor, dein Gehirn ist ein Abenteurer.
Es will Neues entdecken, Geheimnisse lüften, Zusammenhänge verstehen.
Aber manchmal will es alles auf einmal. Dann springt es von Baum zu Baum, vergisst, wo es war, stolpert über seine eigene Energie – oder fliegt einfach davon.
ADHS ist kein Fehler.
Es ist ein wildes, neugieriges Gehirn, das anders lernt.
Es liebt Freiheit, Sinn und echte Begeisterung.
Es braucht keine Strafe – sondern Verständnis, Struktur und Raum.
Dopamin – der Zaubertrank der Motivation

Dopamin ist ein Botenstoff im Gehirn – so etwas wie ein innerer Zaubertrank, der uns motiviert.
Er sorgt dafür, dass wir etwas tun wollen, uns lebendig fühlen, neugierig sind und fokussiert bleiben.
Wenn etwas uns berührt, interessiert oder belohnt – springt der Dopaminspiegel an.
Wenn nicht, fühlt sich selbst die kleinste Aufgabe an wie ein Berg. Bei ADHS ist dieser Trank oft unzuverlässig.
Das heisst nicht, dass Menschen mit ADHS „nicht wollen“. Es heisst:
Ihr Gehirn braucht andere Zutaten, damit der Trank wirkt – zum Beispiel Sinn, Selbstbestimmung oder ein kleines Abenteuer.
Eine Geschichte am Lagerfeuer – wie Motivation wirklich wirkt
Vier Kinder sitzen um ein Lagerfeuer.
In der Mitte brodelt ein Kessel. Ein alter Zauberer rührt schweigend darin herum. Der Rauch riecht nach Wacholder, Schokolade und Abenteuer.
„Das hier“, sagt er leise, „ist der Trank der Motivation. Manche nennen ihn Dopamin.“
Die Kinder sehen sich an.
„Wollt ihr probieren?“
Alle nicken.
Eines der Kinder nimmt einen Schluck – und lächelt.
„Ich fühl mich klar. Ich glaub, ich könnte jetzt meine Aufgaben machen.“
Ein anderes schliesst die Augen. „Ich fühl mich ruhig. Wie aufgeräumt.“
Das dritte zögert. „Bei mir tut sich irgendwie… nichts.“
Und das vierte sagt: „Ich spür zu viel. Mein Herz klopft. Ich will was ganz anderes tun als das, was ich müsste.“
Der Zauberer nickt.
„So ist das manchmal.
Motivation sieht nicht bei allen gleich aus.
Manche starten, wenn sie wissen, was zu tun ist. Andere, wenn sie spüren, warum es sie berührt.
Manche folgen der Struktur. Andere folgen der Spur.“
Die Kinder lauschen still.
„Die einen funktionieren gut in Systemen, die klar sagen: Das ist richtig, das ist falsch.
Und die anderen? Die passen sich oft an. Still. Und brennen innerlich aus.“
Er sieht sie an.
„Nicht weil sie nicht wollen. Sondern weil niemand gefragt hat:
Wie funktioniert dein Feuer?“
Stille. Nur das Knistern des Feuers.
„Stellt euch vor“, sagt der Zauberer, „wir würden eine Welt bauen, in der jede*r herausfinden darf, was sie oder er braucht, um sich lebendig zu fühlen.
Nicht besser. Nicht angepasster. Sondern echter.“
Die Kinder sagen nichts.
Aber das Feuer brennt ein bisschen heller.
Was das mit unserem echten Leben zu tun hat
In dieser kleinen Geschichte steckt eine grosse Wahrheit:
- Dopamin ist kein magisches Gefühl – sondern ein chemischer Botenstoff im Gehirn, der Motivation erst möglich macht.
- Motivation ist keine Charakterfrage. Sie entsteht – oder sie fehlt. Und das hängt stark mit der individuellen Art zu denken zusammen.
- Neurotypisch bedeutet: Das Gehirn reagiert zuverlässig auf Reize wie Belohnung, Pflicht, Struktur.
- Neurodivergent bedeutet: Das Gehirn reagiert eigenwilliger – es braucht Sinn, Freiheit, Verbindung oder Kreativität, um in Bewegung zu kommen.
Solange alle in dasselbe System gepresst werden, bleibt viel Potenzial unerkannt.
Doch wenn wir anfangen zu fragen, statt zu fordern – kann sich jede*r auf die eigene Weise entfalten.
Was viele falsch verstehen – häufige Irrtümer über ADHS
„ADHS? Das haben doch heute alle!“
Nein. Es wird nur endlich erkannt, statt übersehen.
„Du bist doch ganz ruhig – das kann kein ADHS sein.“
ADHS hat viele Gesichter. Nicht alle sind laut. Viele sind innerlich unruhig.
„Du schaffst’s ja, wenn du willst.“
Der Wille ist nicht das Problem – sondern das Starten ohne Dopamin.
„Das ist doch nur eine Ausrede für Faulheit.“
ADHS kostet Energie. Viel Energie. Wer es hat, kämpft oft im Stillen.
„Das ist eine Kinderkrankheit.“
ADHS bleibt auch im Erwachsenenalter bestehen – oft gut kaschiert, aber spürbar.
Die verborgenen Fähigkeiten hinter ADHS – eine neue Sichtweise
ADHS ist nicht nur eine Liste an Symptomen.
Es ist auch eine Liste an Gaben, die selten als solche erkannt werden:
Was viele als Schwäche sehen | Was wirklich dahinter steckt |
Sprunghaft, unkonzentriert | Ideenreich, offen, vernetzt denkend |
Chaotisch, unstrukturiert | Improvisationsfähig, kreativ, flexibel |
Impulsiv, emotional | Echt, lebendig, empathisch |
Träumerisch, abwesend | Fantasievoll, visionär, tief spürend |
Reizoffen, schnell überfordert | Feinfühlig, wach, sensorisch hochbegabt |
Unzuverlässig, vergesslich | Im Moment lebend, nicht im Autopilot-Modus |
Das Problem ist nicht das Sein – sondern das Umfeld, das es nicht einordnen kann.
Wenn ADHS gesehen, verstanden und begleitet wird, kann daraus echte Kraft entstehen.
Typische Fragen – von aussen und von innen
Fragen, die neurotypische Menschen stellen:
„Warum kriegst du das nicht einfach hin?“
→ Weil mein Gehirn anders organisiert ist. Nicht schlechter – nur nicht linear.
„Du hast doch gerade stundenlang an was gearbeitet – wieso geht das andere nicht?“
→ Hyperfokus ist real. Aber ich kann ihn nicht steuern.
„Bist du sicher, dass das ADHS ist?“
→ Sehr. Diagnostiziert, erlebt, durchlebt.
Fragen, die viele neurodivergente Menschen sich selbst stellen:
„Warum bin ich so überfordert vom Alltag?“
→ Weil dein Nervensystem mehr verarbeitet – und weniger filtert.
„Bin ich zu empfindlich für diese Welt?“
→ Nein. Du bist genau richtig – aber du brauchst mehr Schutz, mehr Pausen, mehr du.
„Werde ich jemals so funktionieren wie die anderen?“
→ Vielleicht nicht. Aber du wirst lernen, wie du funktionierst. Und das ist mehr wert.
Fazit: ADHS ist kein Fehler – sondern eine andere Sprache
ADHS bedeutet nicht: zu viel.
Es bedeutet: anders viel.
Anders fühlen. Anders denken. Anders wahrnehmen.
Wenn wir aufhören zu vergleichen und anfangen zu verstehen, dann wird aus dem vermeintlichen Chaos eine Landkarte.
Eine, die zeigt, wo Kraft, Kreativität und Mitgefühl wohnen.
Und manchmal braucht es dafür nur einen Schluck Zaubertrank – und jemanden, der sagt:
„Ich seh dich. Genau so.“
Ob du selbst betroffen bist oder einfach verstehen willst – deine Sicht zählt.
Schreib gern in die Kommentare:
👉 Was hat dich berührt?
👉 Wo hast du dich erkannt – oder vielleicht auch geirrt?
👉 Welche Frage brennt dir noch auf der Zunge?
Lass uns gemeinsam eine Sprache finden für das, was oft unsichtbar bleibt.
Fabienne
💬 Lesetipp:
In diesem Text erzähle ich, wie mein Leben sich von Grund auf verändert hat – und warum mein feinfühliges Nervensystem nicht das Problem war, sondern die Einladung, neu zu sehen, zu fühlen, zu leben.